Die Räumung Hochregallager gehört zu den anspruchsvollsten Szenarien im betrieblichen Brandschutz. Dabei unterschätzen viele Betreiber, wie schnell ein Lagerbrand außer Kontrolle geraten kann. Innerhalb weniger Minuten erreichen Flammen in der Regalgeometrie Temperaturen, die eine geordnete Evakuierung nahezu unmöglich machen.
Genau deshalb ist Vorbereitung entscheidend. In diesem Artikel erfahren Sie, welche besonderen Gefahren in Hochregallagern lauern, wie eine Räumung Schritt für Schritt abläuft und welche gesetzlichen Pflichten Sie als Betreiber kennen müssen. Außerdem erhalten Sie eine praxisnahe Checkliste, mit der Sie Ihre nächste Räumungsübung vorbereiten können.
Warum Hochregallager besondere Brandgefahren bergen
Hochregallager sind keine gewöhnlichen Lagerhallen. Ihre Bauweise erzeugt Bedingungen, die Brände schneller und gefährlicher machen als in nahezu jeder anderen Betriebsumgebung. Deshalb verdienen sie besondere Aufmerksamkeit im Brandschutzkonzept.

Hohe Brandlasten und Regalgeometrie
In einem typischen Hochregallager lagern Tausende Kartons, Paletten und Kunststoffverpackungen auf engem Raum. Diese Materialien brennen leicht und setzen dabei enorme Energiemengen frei. Zudem sorgt die vertikale Anordnung der Regale dafür, dass sich Flammen nach oben ausbreiten, bevor sie seitlich erkannt werden.
Als Thomas Berger, Lagerleiter eines Logistikunternehmens in Ludwigshafen, im Frühjahr 2023 eine Brandschutzbegehung durchführen ließ, war das Ergebnis ernüchternd: In drei von fünf Regalgängen blockierten übergroße Paletten die Sicht auf die Brandmelder. Eine kleine Entzündungsquelle hätte dort minutenlang unentdeckt brennen können. Erst nach einer umfassenden Neuorganisation der Lagerflächen und einer Brandschutzhelfer-Schulung für das gesamte Lagerpersonal konnte das Risiko deutlich gesenkt werden.
Schnelle Brandausbreitung durch den Kamineffekt
Der sogenannte Kamineffekt ist die größte Gefahr in Hochregallagern. Zwischen den Regalreihen entstehen schmale, hohe Schächte. Folglich steigt heiße Luft mit enormer Geschwindigkeit nach oben und zieht frische Luft von unten nach. Dieser natürliche Luftzug beschleunigt die Brandausbreitung dramatisch.
Fachleute gehen davon aus, dass ein Brand in einem Hochregallager innerhalb von drei bis fünf Minuten den Vollbrand erreichen kann. In einer normalen Lagerhalle dauert das deutlich länger. Daher bleibt für die Räumung Hochregallager extrem wenig Zeit, und jede Sekunde zählt.
Eingeschränkte Zugänglichkeit für die Feuerwehr
Hochregallager erreichen Höhen von 12 bis 45 Metern. Die Feuerwehr kann mit herkömmlichen Drehleitern jedoch nur bis etwa 30 Meter vordringen. Darüber hinaus erschweren enge Gänge, automatisierte Fördertechnik und die schiere Gebäudegröße den Löschangriff von innen erheblich. Somit muss die Räumung abgeschlossen sein, bevor die Einsatzkräfte überhaupt mit der Brandbekämpfung beginnen können.
Die Arbeitsstättenverordnung legt fest, dass Arbeitgeber Fluchtwege und Notausgänge so einrichten müssen, dass sie jederzeit frei nutzbar sind. In Hochregallagern ist diese Anforderung besonders anspruchsvoll.
Sie möchten wissen, ob Ihr Lager die aktuellen Anforderungen erfüllt? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf und lassen Sie sich unverbindlich beraten.
Ablauf einer Räumung im Hochregallager
Eine erfolgreiche Evakuierung im Hochregallager folgt einem klaren, eingeübten Ablauf. Dabei kommt es auf schnelle Entscheidungen und eindeutige Zuständigkeiten an. Nachfolgend beschreiben wir die drei wesentlichen Phasen.
Phase 1: Alarmierung und Erstmaßnahmen
Sobald ein Brandmelder auslöst oder ein Mitarbeiter Rauch bemerkt, beginnt die Alarmkette. Zunächst wird die interne Alarmierung ausgelöst, parallel dazu erfolgt der Notruf an die Feuerwehr. Geschulte Brandschutzhelfer bewerten die Lage und entscheiden, ob ein Löschversuch mit Handfeuerlöschern sinnvoll ist oder die sofortige Räumung eingeleitet werden muss.
In einem automatisierten Hochregallager müssen zusätzlich Fördertechnik und Regalbediengeräte kontrolliert heruntergefahren werden. Andernfalls können fahrende Geräte Fluchtwege blockieren oder Mitarbeiter gefährden.
Phase 2: Räumung der Gänge und Fluchtwegsicherung
Die eigentliche Räumung Hochregallager erfordert, dass alle Personen die Regalgänge zügig und geordnet verlassen. Hierbei gelten folgende Grundsätze:
- Jeder Gang hat einen klar gekennzeichneten Fluchtweg nach außen
- Staplerfahrer stellen ihre Fahrzeuge sofort ab und schalten den Motor aus
- Personen auf Kommissionierbühnen nutzen die festgelegten Abstiegswege
- Aufzüge dürfen nicht benutzt werden
- Feuerschutztüren werden geschlossen, aber nicht verriegelt
Dabei ist Orientierung entscheidend. In verrauchten Hochregallagern verlieren Mitarbeiter schnell die Übersicht, weil alle Gänge ähnlich aussehen. Deshalb müssen Fluchtwege mit nachleuchtenden Bodenmarkierungen gekennzeichnet sein, die auch bei Stromausfall sichtbar bleiben.
Phase 3: Sammelplatz und Vollständigkeitskontrolle
Am Sammelplatz übernimmt der Räumungsleiter die Vollständigkeitskontrolle. Anhand aktueller Anwesenheitslisten oder elektronischer Zugangssysteme wird geprüft, ob alle Mitarbeiter das Gebäude verlassen haben. Falls Personen fehlen, wird die Feuerwehr sofort informiert.
Verletzte werden von betrieblichen Ersthelfern versorgt, bis der Rettungsdienst eintrifft. Ebenso wichtig: Der Sammelplatz muss ausreichend Abstand zum Gebäude haben, da bei Lagerbränden explodierende Druckbehälter oder einstürzende Regalteile eine erhebliche Gefahr darstellen.
Gesetzliche Pflichten für Betreiber von Hochregallagern
Betreiber von Hochregallagern unterliegen strengen Vorschriften. Die rechtliche Grundlage bilden mehrere Regelwerke, die zusammenwirken.
Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) § 4 verpflichtet Arbeitgeber, Fluchtwege und Notausgänge einzurichten und instand zu halten. Allerdings gehen die Anforderungen für Hochregallager weit darüber hinaus.
Die Industriebaurichtlinie der Bundesländer definiert spezifische Brandschutzanforderungen für Lagergebäude ab bestimmten Größen. Je nach Brandlast und Lagerhöhe können Sprinkleranlagen, Rauch- und Wärmeabzugsanlagen sowie automatische Löschanlagen vorgeschrieben sein.
Zusätzlich regelt die DGUV über ihre Vorschriften und Informationsblätter die Pflichten des Arbeitgebers zur Unterweisung und Übung. Demnach müssen Räumungsübungen regelmäßig durchgeführt werden, in der Regel mindestens einmal jährlich.
Für größere Hochregallager ist darüber hinaus häufig ein Brandschutzbeauftragter vorgeschrieben. Wenn Ihr Unternehmen keinen internen Kandidaten hat, können Sie einen externen Brandschutzbeauftragten bestellen, der alle Aufgaben rechtssicher übernimmt.
Typische Fehler bei der Räumungsplanung
In der Praxis sehen wir als Brandschutzausbilder immer wieder dieselben Fehler. Diese Schwachstellen können im Ernstfall fatale Folgen haben:
- Blockierte Fluchtwege: Paletten, Verpackungsmaterial oder Stapler versperren Ausgänge. Dieser Fehler ist der häufigste und zugleich der gefährlichste.
- Fehlende oder veraltete Übungen: Viele Betriebe führen die letzte Räumungsübung vor Jahren durch. Folglich kennen neue Mitarbeiter weder den Ablauf noch den Sammelplatz.
- Unklare Verantwortlichkeiten: Niemand weiß, wer im Ernstfall die Räumung koordiniert. Ohne klare Rollenverteilung entsteht Chaos.
- Kein aktueller Flucht- und Rettungsplan: Umbauten im Lager werden nicht in den Plan übernommen. Dadurch zeigen Aushänge veraltete Wege.
- Unterschätzte Rauchentwicklung: Kunststoffverpackungen erzeugen dichten, toxischen Rauch. Ohne Atemschutz wird der Fluchtweg in Sekunden unsichtbar.
Nadine Weber, Sicherheitsbeauftragte eines Handelsunternehmens in Mannheim, erlebte genau das bei einer Räumungsübung im September 2024. Der Nebelgenerator simulierte Rauchentwicklung in nur einem Regalgang. Trotzdem brauchten drei Mitarbeiter über vier Minuten, um den Ausgang zu finden, weil die Bodenmarkierungen nicht nachleuchtend waren. Die anschließende Nachrüstung kostete weniger als 800 Euro. Im Ernstfall hätte das Fehlen dieser Markierungen Menschenleben kosten können.
Räumungsübung im Hochregallager vorbereiten
Eine gut vorbereitete Räumungsübung deckt Schwachstellen auf, bevor der Ernstfall sie offenbart. Nutzen Sie folgende Checkliste, um Ihre nächste Übung zu planen:
- Räumungskonzept prüfen: Ist der aktuelle Flucht- und Rettungsplan auf dem neuesten Stand?
- Verantwortlichkeiten festlegen: Wer gibt den Räumungsbefehl, wer koordiniert am Sammelplatz?
- Mitarbeiter unterweisen: Alle Beschäftigten im Lager müssen den Ablauf kennen und wissen, wo sich die nächsten Ausgänge befinden
- Fluchtwege kontrollieren: Sind alle Wege frei, beleuchtet und korrekt gekennzeichnet?
- Fördertechnik einbeziehen: Wie werden Regalbediengeräte und Stapler im Alarmfall gestoppt?
- Zeitnahme durchführen: Messen Sie, wie lange die Räumung dauert, und vergleichen Sie mit dem Zielwert
- Nachbesprechung planen: Dokumentieren Sie Schwachstellen und legen Sie Korrekturmaßnahmen fest
Detaillierte Hinweise zur Durchführung von Evakuierungsübungen für Unternehmen finden Sie in unserem separaten Leitfaden.
Ergänzende Informationen zu Brandschutzstandards in Lagergebäuden bietet außerdem der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) mit praxisnahen Fachpublikationen.
Fazit: Sicherheit im Hochregallager beginnt mit Vorbereitung
Die Räumung Hochregallager ist kein Szenario, das man improvisieren kann. Die besonderen Gefahren durch hohe Brandlasten, den Kamineffekt und eingeschränkte Feuerwehrzugänglichkeit erfordern eine durchdachte Planung, regelmäßige Übungen und klare Verantwortlichkeiten.
Folgende Punkte sollten Sie mitnehmen:
- Hochregallager brennen schneller und heftiger als normale Lagerhallen
- Eine geordnete Räumung muss innerhalb weniger Minuten abgeschlossen sein
- Regelmäßige Räumungsübungen decken Schwachstellen auf, bevor es zu spät ist
- Gesetzliche Pflichten erfordern aktuelle Fluchtpläne, geschulte Brandschutzhelfer und dokumentierte Übungen
Ihr nächster Schritt: Lassen Sie Ihre Räumungsplanung von einem Experten prüfen. Als regionaler Brandschutzausbilder in der Rhein-Neckar-Region unterstützen wir Unternehmen in Mannheim und Ludwigshafen mit Brandschutzhelfer-Schulungen, Evakuierungsberatung und externer Brandschutzbeauftragung. Jetzt unverbindlich anfragen und Sicherheit im Hochregallager gewährleisten.